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Ein winterliches Willkommen

Nach meinem Flug über die Grönländische und Nord-kanadische Wildnis brachte mich Calgary erst einmal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Kanada ist nun einmal nicht nur endlose Weiten und wilde Tiere, sondern auch ganz normale Großstadt und viele Menschen. Mit 2 Stockwerken war mein Hostel wahrscheinlich mit Abstand das niedrigste Gebäude im Umkreis mehrerer Kilometer. Trotzdem hatte ich aus der Küche den perfekten Ausblick auf die 24/7 hell beleuchteten Wolkenkratzer der Downtown.

Einen ganzen halben Tag hat es dann tatsächlich gebraucht bis ich nicht mehr so Recht wusste, was ich noch anstellen sollte. Die erste Hälfte des Tages hatte ich schon damit verbracht alles organisatorische zu erledigen und nachmittags bin ich den zugefrorenen Bow River entlang spaziert bevor ich mich (trotz eigentlich für kanadische Verhältnisse warmen 2°) verfroren auf den Calgary Tower gerettet habe; das eigentliche Wahrzeichen der Stadt, das mittlerweile in Mitte der vielen Öl-Tower untergehen zu scheint. Während man auf der einen Seite in unzählige Büros blicken kann trohnen im Westen am Horizont die Rocky Mountains und im Osten erstrecken sich die endlosen Weiten der schneebedeckten Prärie. Schon während des Fluges hatte ich bemerkt, das Winter in Kanada scheinbar noch wirklich Winter ist, jedenfalls habe bisher sowohl aus dem Flugzeug als auch vom Boden aus noch keinen größeren Fleck ohne Schnee sichten können.

Wie auch immer, trotz des vielfältigen Ausblicks muss ich gestehen, dass es mir am nächsten Morgen nicht gerade schwer fiel der Großstadt den Rücken zu kehren und mich in den Bus Richtung Norden zu setzten.

2 Stunden später wurde ich in Red Deer (der angeblich unspektakulärsten Stadt in ganz Alberta) von Madeleine aufgesammelt und wir machten uns zusammen auf in Richtung Westen - ab in die Berge. 

Madeleine und Alan betreiben am Abraham Lake (einem der touristisch bisher weniger erschlossenen Orte der Rockys) eine kleine Eco-Lodge in der ich über die nächsten Wochen aushelfen wollte. 

Nach Mittagsstärkung und Einkauf in Rocky Mountains House ging es dann nochmal anderthalb Stunden weiter Richtung Westen, vorbei an augenscheinlich endlosen, verschneiten Wäldern. Um den ersten Tag im (für mich) wahren Kanada perfekt zu machen ist uns direkt am Straßenrand dann auch promt eine Herde Wildpferde begegnet. Erst dachte ich kurz an Mustangs, die waren es aber eindeutig nicht, sondern ausgewilderte Bergarbeiterpferde, die nach der Mienenschließung in Nordegg in ihre Freiheit entlassen wurden und jetzt in den umliegenden Bergen leben.

Nordegg, das zwar bis heute noch als Ort gilt, aber eigentlich schon so gut wie von der Landkarte verschwunden ist, ist der nächstgelegene Ort zur Aurum Lodge - meinem Zuhause für die nächsten 4 Wochen.


Die Eco-Lodge macht ihrem Namen alle Ehre. Sie befindet sich in atemberaubend schöner Lage nahezu direkt am Ufer des Abraham Lake, kurz vor den Toren des Banff Naional Park. Während der See fast ständig durch strake Winde Schneefrei gehalten wird bringt er rund um die Lodge meistens nur noch die Baumkronen zum schwanken. Neben dem See und dem Wald ist die Lodge umgeben von Bergen und nahezu unberüheter Wirldnis. Blickt man über den zugefrorenen See in Richtung Westen ragen unmittelbar die Gipfel der berühmten National Parks Banff und Jasper auf. 

Die Lodge bietet also alles was sich ein Outdoor Herz nur wünschen kann. Wasser, Berge, Wald, Wildtiere, unmengen an frischer Luft und atemberaubende Ausblicke. Keine 10 Minuten dauert es um aus dem gemütlichen Wohnzimmer bis runter ans windige Seeufer zu stiefeln und in die andere Richtung sind es keine 20 min und man steht am Fuße der riesigen Bergekämme des Bighorn county oder in Schluchten mit massiven Wasserfällen.

Im Winter hat das alles nochmal einen ganz anderen Charme (obwohl ich zugeben muss, dass ich sehr froh bin die -30° nicht mitzubekommen sondern bei  angenehmen 0° anfangen kann). Der See in dem sich abends und morgens die rot leuchtenden, schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge spiegeln; die zugefrorenen Wasserfälle, die so intensiv blau leuchten, das es schon fast unwirklich aussieht oder die tausende Sterne die nachts den gesamten Himmel übersehen. Solange man seine Augen offen hält gibt es hier immer etwas neues zu entdecken.

Gäste gibt es hier momentan eher wenige. Hochsaison ist noch immer Sommer, obwohl immer mehr Leute auf der Suche nach dem Perfekten Eisblasenfoto sind. Wir nennen sie hier im allgemeinen die 'Bubble-hunters'. Ihr tag besteht eigentlich nur aus Morgen- und Abendstunden, alles andere ist eher untinteressant und je weniger man sich für das perfekte Foto bewegen muss, desto besser. Aber es stimmt natürlich, die besten Fotos entstehen nunmal im Morgen- und Abendlicht, entsprechend haben auch Alan und ich uns einen Morgen aufs Eis geschlichen. Allerdings direkt von der Lodge aus, ab aufs Eis und dann den schönsten Platz suchen; Abseits der Auto-Touristen.


Das Eis auf dem Abraham-Lake ist etwas das ich so noch nie gesehen habe; und so schnell wahrscheinlich auch nie wieder sehen werde. Aufgrund der niedrigen Temperaturen und des kräftigen, eisigen Windes friert der See besonders schnell und klar zu. Außerdem sorgen die Winde dafür, dass Schnee nicht liegen bleibt sondern sofort wieder weggetragen wird. Zum Vorschein tritt eine Eisschicht so klar, dass man die Fische darunter schwimmen sehen kann; rund herum ein Blick ins tief blaue Nichts. Ich muss zugeben ein bisschen mulmig war mir schon zumute, aber ich war ja zum Glück mit Alan unterwegs, der sich ich auskennt wie wahrscheinlich kein anderer.

Während wir uns also noch im Halb-Dunkel auf den Weg machten gab es bei jedem Schritt etwas neues zu entdecken. Risse im Eis die sich zu eindrucksvollen Formationen zusammen tun, eine Lage über der anderen - 'pressure-ridges' die sich wie ein wachsendes Gebirge über den Gesamten See ziehen - zusammen gefrorene Eisschollen die atemberaubende geometrische Muster bilden und nicht zu vergessen natürlich auch die im Eis eingeschlossenen Methanblasen die wie Wolken im Eis schweben und Türme aus dem nichts bilden. Alle paar Meter gibt es etwas neues zu entdecken und bei jedem Schritt muss man darauf achten keine der Formationen ausversehen zu zertreten.

Abends habe ich mich noch einmal alleine auf den Weg gemacht. Auf mich selbst gestellt wirkte das nichts unter mir noch einmal deutlich tiefer und unberechenbarer als noch am Morgen. Angespannt wie ich eh schon war wirkte jedes knacken unter mir als würde gleich die Eisdecke nachgeben. Bei einer Dicke von etwa 50cm (die sich leicht an den Rissen abschätzen lässt) zwar so gut wie unmöglich aber jedes knacken wirkte bedrohlicher als das vorherige. Aufgrund der etwas höheren Temperaturen über den Tag war die oberste Schicht auch leicht angetaut und jeder Schritt endete in der Eines neuen Spinnennetzes in der obersten Eislage.

Entsprechend kurz fiel mein Alleingang aus und ich war froh das unser nächster Ausflug erst einmal auf festem Boden stattfand. Abgesehen vom See gibt es hier auch im Backcountry jede Menge zu entdecken. Einen ersten Geschmack darauf bietete mir der Cline River Canyon mit seinen zugefrorenen Wasserfällen zu dem Alan mich ein paar Tage später mitnahm.

Fotos können die Farben nicht einmal ansatzweise einfangen die einem entgegen schlagen. Leuchtendes Türkis - Eisblau - die Farbe macht ihrem Namen hier alle Ehre. 

Nicht weniger beeindruckend sind auch nicht Nächte hier. Je länger man in den Sternenhimmel schaut, desto mehr Sterne scheinen es zu werden.


Eigentlich wollten Alan und ich nur kurz raus die Sterne fotografieren gehen, weil es verhältnismäßig warm und windstill war. Also sind wir nach vorne zur Bank am See und Alan bemerkt nach einiger Zeit einem immer stärker werdenden gold-orangenen Schimmer am Horizont - meine ersten Nordlichter. Und das obwohl wir uns etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Deutschland befinden. Kanada scheint sich jeden Tag etwas neues auszudenken um mich zu überraschen, in meinen ersten 2 Wochen habe ich schon mehr wunderschöne Dinge gesehen und erlebt als ich es mir vorher erhoffen konnte. 


Extrem großen Anteil daran haben auf jeden Fall Alan und Madeleine, die mich vom ersten Moment an aufgenommen haben als würden wir uns schon seit ewigkeiten kennen, mir so viel es geht von der Gegend zeigen und mehr helfen als ich es mir je hätte erträumen können. Ohne die Zwei wäre mein Anfang hier mit sicherheit nich ganz so einfach geworden. Außerdem bin ich mir sicher das es nicht viele andere Ort in Kanada geben kann die mehr zu bieten haben als ihre Lodge und das umliegende Bergland. Die einsame Hütte auf dem Berg von der ich immer spreche - Alan und Madeleine haben hier einen Ort geschaffen der dem schon ziemlich nahe kommt! Eine perfekte möglichkeit um zu lernen das so ein Vorhaben nicht ganz so simpel ist wie es im ersten Moment klingen mal. Off-grid zu leben bedeutet jede Menge Arbeit und Verantwortung die den meisten der Gäste die hier zu Besuch kommen mit Sicherheit nicht bewusst ist. Umso beeindruckender ist es das die Zwei trotzdem noch die Zeit finden 'Fremden' wie mir das Gefühl eines zweiten Zuhauses zu geben.

Neben all der Arbeit die eigentlich rund um die Lodge zu erledigen ist hat Madeleine es trotzdem geschafft mit mir zusammen einen Trip in den 'nahe' gelegenen Banff National Park zu unternehmen. Das ist mal eine Fahrt die die Bezeichnung Road-Trip wirklich verdient hat. Der Highway zwischen Canmore und Jasper bietet alles was ich mir bisher unter den 'Canadian Rockys' vorgestellt habe. Besonders jetzt im Winter. Eine schier endlose Straße umgeben von schneebedeckten Gipfeln, tief grünen Wäldern und schroffen Gletschern. Besonders in den Morgen-Stunden, wenn die Gipfel von der aufgehenden Sonne rot angestrahlt wirkt der Blick aus dem Fenster als würde man gerade ein Dokumentation im Fernsehen sehen.


Banff selbst, von dem eich eigentlich erwartet hatte das es eine kleine Stadt mitten im Nationalpark ist überraschte mich dann allerdings mit einer Menschenmenge, die ich sonst nur aus Berliner Einkaufsstraßen kenne. Auch Lake Louise, von dem ich einen idyllischen See inmitten von Wäldern und Bergen erwartet hatte war überrant von Touristenmassen. Alleine um zum See hin zu kommen mussten wir eine halbe Stunde im 'Parkplatz-Stau' warten, ganz abgesehen von den hunderten (nicht übertrieben!) die auf den Shuttle Bus warteten. Und das alles im Winter - ich möchte mir gar nicht vorstellen wie es hier im Sommer in der Hochsaison aussieht...

Nichts desto trotz ist die Lage natürlich atemberaubend schön, man muss sich die vielen Touristen halt einfach weg denken. Im endeffekt bin ich auf jeden Fall sehr froh das ich bei Alan und Madeleine am Abraham Lake gelandet bin, wo scheinbar noch ein bisschen mehr vom wilden Kanada übrig geblieben ist...