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Raven Ridge Farms

Nach den schroffen Felshängen der westlichen Rocky Mountains in Alberta kommen mir die sanften, bewaldeten Hänge auf der Ostseite in British Columbia wie eine andere Welt vor. Auch wenn ich auf der Fahrt von Jasper nach Barriere (nördlich von Kamloops) nur einen kurzen Blick auf Mt. Robson (höchster Gipfel der kanadischen Rockys) werfen konnte und sonst weitestgehend im Schneegestöber versunken bin konnte ich erahnen wie sich die Landschaft langsam verändert hat. Zugegebenermaßen glaube ich, dass Landwirtschaft rund um die Lodge auch nicht wirklich möglich gewesen wäre. 

Die Farm, die für die nächsten Wochen mein Zuhause ist liegt zwar auch abgeschieden, aber nicht ganz so einsam wie die Lodge. Barriere (die nächste kleinere Stadt) liegt 15min entfernt und Kamloops (nächste größere Stadt) "nur" 45 min - willkommen zurück in der Zivilisation! 

Verborgen unter mindestens einem Meter Schnee liegt hier Raven Ridge Farms. In müsahm schneefrei gehaltenen Koppeln gibt es Schafe, Schweine, Rinder, Hühner, Enten und nicht zu vergessen ein paar Hunde und ein Lama. Zu den alltäglichen dingen zählt also hauptsächlich Füttern und Tränken, ab und zu ein Hundespaziergang und nicht zu vergessen Schneeschippen. Egal ob es frisch geschneit hat oder nicht irgendein Schneehaufen stört eigentlich immer. Mal liegt so viel Schnee das die Zäune einfach im Boden verschwinden und den Tieren zur Freiheit verhelfen und mal liegt eine schneebank so ungünstig, dass bei Sonnenschein der halbe Stall unter Wasser steht... Abgesehen vom schnee könnte man ab und zu schon fast denken es wäre Frühling. Letztens steckte ich zwar bei jedem Schritt hüfttief im Schnee aber mehr als ein T-Shirt brauchte ich nicht.... Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher was ich bevorzuge, den Schnee oder den Matsch den er hinterlässt wenn er schmilzt - das werde ich die nächsten Wochen sicher noch herausfinden! 

Den Rest der Zeit haben ich versucht mich in die Schafherde zu integrieren. Ich habe die Hoffnung, das je mehr Zeit ich mit den Wollknäuelen verbinge, desto eher akzeptieren sie mich in ihrer Nähe wenn sie ihre Lämmer haben. Angela versucht währenddessen mir alles mögliche über Schaf Zucht und das Farmleben hier beizubringen. 

Je mehr Zeit ich hier verbringe, desto mehr Erinnerungen aus Neuseeland kommen zurück und desto stärker wird das Gefühl, dass ich das auch gut für immer machen könnte... auch wenn ich statt den Schweinen vielleicht Pferde und Esel bevorzuge, die Schafe dürften auf keinen Fall fehlen! 

Während der letzten Woche haben wir jedenfalls alles für die erwarteten Lämmer vorbereitet. Neben jeder Menge Aufräumen und Putzen (der Stall sieht jetzt aus wie neu! ) gehörte auch das Impfen der 25 Mutterschafe (ewes) zum Programm. Unkompliziert wie das Leben Übersee manchmal sein kann durfte sogar ich die armen Tierchen pieksen. Aber entweder scheinen Schafe nicht nachtragend zu sein, oder ich habe nicht alles falsch gemacht, jedenfalls haben sie es mir noch nicht heimgezahlt...

Noch bevor wir alles Saisonfertig herrichten konnten begrüßten uns morgens auf einmal 26 statt 25 Schafe im Stall. Ein winziges kleines Kerlchen konnte es scheinbar nicht länger abwarten und hat sich ein paar Tage zu früh auf den Weg gemacht. Für mich glich es einem Wunder das dieses kleine Ding seine ersten paar Stunden im kalten Laufstall überhaupt überleben konnte, aber abgesehen von seiner Größe schien er ein gesunder, tapferer Kerl zu sein. Unglücklicherweise war der Entdeckungdrang in unserem ersten kleinen Findelkinds wohl größer als seine Kraftreserven und wir mussten uns nach 2 Tagen schon wieder von ihm verabschieden.

Ungeachtet davon hieß es ab der ersten Geburt regelmäßig Wache halten um im Falle des Falles helfen zu können. Seit dem haben wir jeden Tag oder auch Nacht mindestens eine weitere Geburt gehabt. Es ist schon faszinierend zuzusehen wie so viele kleine neue Leben entstehen. Die 2 Geburt habe ich dann auch von Anfang bis Ende mitbekommen. Milka, unser kleines als Milchkuh getarntes Mädchen lag leider falsch herum und wir mussten ein bisschen nachhelfen. Sie und ihre Schwester Carmen sind bisher meine beiden Lieblinge. Es ist unglaublich mitzuerleben, wie aus den 2 leblos, schleimigen Brocken innerhalb von Minuten bereits stehende (wenn auch recht wackelig), mähende Lämmer werden, die nach noch nicht einmal 3 Tagen schon anfangen auf ihrer Mama rumzuklettern und in ihrer Box umhertollen. Nicht zu vergessen das Lächeln das sie immer auf ihren Lippen zu haben scheinen. 

Das macht auch die Nachtschichten deutlich angenehmer, die jetzt immer häufiger werden. Mitterweile haben wir 18 Lämmer von 8 Müttern und jeden Tag und jede Nacht kommen mehr dazu. Letztens habe ich bis 4 Uhr morgens im Stall verbracht nachdem um Mitternacht ein weiteres Lamm geboren wurde und 3 Stunden später dann das 2te. Eigentlich sind die Nacht-checks auch garnicht so übel aber gegen ein paar Grad wärmer hätte ich nichts einzuwenden. So bleibt mir nix anderes übrig als zwischendurch ab und zu in eine der noch leeren Boxen zu klettern und zu versuchen unter einer der Wärmelampen aufzutauen. Sobald die kleinen in größere Boxen kommen hoffe ich das ich mich einfach zu den Schafen kuscheln kann um ein bisschen Körperwärme zu teilen. Neben den mähenden Schafen scheinen Nachts allerlei andere Geräusche die Stille zu füllen.

Die Fußspuren die wir bei unseren Schneespaziergängen mit den Hunden entdecken bekommen zu diesen Stunden Stimmen. Hauptsächlich sind es Wölfe, Kojoten und ab und zu eine Eule, die aber hoffentlich alle von den Hunden auf Distanz gehalten werden, ein bisschen unheimlig bleibt es aber trotzdem. 

Neben den vielen Leben die wir momentan entstehen sehen haben wir leider auch welche gehen lassen müssen. Nachdem das erste kleine Lamm ja leider erfroren ist hatten wir einige Geburten die nur mit Hilfe geklappt haben und leider auch ein Schaf mit Totem Lamm, das so missgeformt war das wir auch das Schaf nicht retten konnten. Das gehört wohl leider auch dazu. Aber die vielen kleinen lächelnden Gesichter, Freudensprünge und Kuscheleien bewahren einen hier vor jeglicher traurigkeit oder Übermüdungserscheinungen. Bisher jedenfalls... Wir werden morgen anfangen müssen ein paar der Trillinge mit der Flasche zu füttern, weil die Mütter nicht genug Milch für 3 Lämmer haben, ab dann heißt es alle 2 Stunden in den Stall, bei Tag und Nacht. Aber ich habe die wage Vermutung das es sich lohnen wird mitten in der Nacht aufzustehen, nur um die kleinen Kerlchen zufrieden zu stellen. Hier geht sowieso schon der rumor umher ich würde noch zum Schaf werden, so viel Zeit wie ich im Stall verbringe....